AktuellesBücherReisen & Touren

95. Jubiläum – eine Frau reist um die Welt

Als Clärenore Stinnes am 25. Mai 1927 aus Frankfurt zu ihrer Weltreise startet, brach sie als Fräulein mit allen damaligen Konventionen. Sie war jung, technisch und praktisch versiert, selbstbewusst und durchsetzungsstark, gefördert durch ihren Vater. „Eine kluge, tapfere, starke Frau“ resümiert Freund und Begleiter Carl-Axel fast am Ende des neuen Buches von Lina Jansen „Fräulein Stinnes und die Reise um die Welt“.

Die Weltreise per Auto

Eine junge Frau macht ihren Weg. Sie stellt sich nach dem Tod ihres Vaters gegen die Wünsche, ja fast Befehle, Ihrer Familie, verzichtet auf das Familienerbe der wirklich reichen und bekannten Familie Stinnes, überwindet Vorbehalte und Regeln ihrer Zeit. Sie hat Träume, macht Pläne und verfolgt das Ziel einer Weltreise bis zur letzten Konsequenz. „Wir fahren über Prag nach Wien und weiter nach Belgrad und Konstantinopel. Von dort geht es nach Damaskus, quer durch die syrische Wüste bis nach Bagdad. Dann fahren wir weiter nach Teheran, Tiflis und Moskau.“  Sibirien, die Wüste Gobi durchqueren, dann weiter nach China, Japan, Hawaii und San Francisco. „…per Schiff weiter nach Panama und Lima. Von dort aus queren wir die Anden. Geplant ist ein Stopp in Buenos Aires. Danach fahren wir zurück nach Chile und nehmen ein Schiff nach Los Angeles. Quer durch Amerika geht es nach New York, zuvor treffen wir in Detroit Henry Ford,“ und dann zurück nach Europa. Die Tour geht durch 28 Länder. Die Reise-Stationen sind in den inneren Umschlagseiten geographisch nachvollziehbar.

Romanbiographie

Lina Jansen ist ein informative und auch spannende Romanbiographie gelungen. Sie hat versucht, sich weitgehend, an historische Fakten zu halten, sagt sie selbst in ihrem Nachwort. „Als wichtigste Hintergrundlektüre hat mir Reisetagebuch „Im Auto durch zwei Welten“ gedient.“
Der neue Roman informiert und beschreibt die Strapazen, die persönlichen und technischen Probleme während der Reise, Clärenores Liebe zu Carl-Axel Söderström, der ihre Reise filmisch dokumentiert, die größte Herausforderung ihres Lebens aber auch ihre Selbstzweifel und Schuldgefühle. „Alles war ihre Schuld. Sie hatte die Geschichte neu schreiben und der Welt beweisen wollen, wozu eine Frau imstande war.“ So fühlte Clärenores im August 1928, als der Adler fahruntüchtig in den bolivianischen Anden zwischen zwei Felsbrocken feststeckt und die Reise drohte, zu enden.
Nach zwei Jahren und einem Monat, nach über 45.000 Fahrtkilometern, beendet die starke Frau ihr Abenteuer erfolgreich. Am 24. Juni 1929 erreichte sie wieder die deutsche Hauptstadt Berlin. (Im Anhang des Buches ist eine detaillierte Zeittafel der Etappen zusammengefasst, vorteilhaft für den Ablauf der Geschichte).

Frau Clärenore Stinnes

Der Roman trägt die Leser durch die damalige Zeit, durch Länder und Kulturen im gesellschaftlichen, sozialen und politischen Umfeld von Clärenore Stinnes, einer Tochter aus reichem Haus. Die beschrienbene,intensive Lebensphase ihrer Selbstverwirklichung liest sich leicht und verständlich, obwohl es Clärenore wirklich nicht leicht hatte als „Fräulein“ Ihrer Zeit.
Das Buch ist passend am Vorabend dieser außergewöhnlichen und abnteuerlichen Weltreise, zum  95. Jubiläum, erschienen. Und es beweist erneut, Clärenore Stinnes gehört zu den starken Frauen ihrer Zeit, heute würde man sagen, zu den gleichberechtigten Frauen. Die Anrede „Fräulein“ gilt heutzutage im deutschsprachigen Raum nicht nur veraltet, sondern gesellschaftlich unkorrekt. Ein Erlass von Hans-Dietrich Genscher beendete die Anrede „Fräulein“ offiziell aus dem Amtsdeutsch und dieser Erlass wurde ab 16. Januar 1972 ein wichtiger Schritt zu mehr Gleichberechtigung.
Vielleicht wäre „Frau Stinnes und die Reise um die Welt“ als Titel treffender gewesen, zumal keiner mit der Mutter von Clärenore Stinnes den Titel assoziiert hätte, denn Clärenore Stinnes, die Tochter, ist es, die  Mut macht.

 

Fräulein Stinnes und die Reise um die Welt
Roman
Jansen Lina
Verlag blanvalet
ISBN 978-3-7645-0796-1

Artikelfoto: Ausschnitt vomo.g. Buch- Coverfoto, Foto: © Verlag blanvalet