„Nurejew“ an der Deutschen Oper Berlin

Schwach, vom Tode bereits gezeichnet, dirigiert im letzten Akt Rudolf Nurejew (1938-1993) noch immer, obwohl die Musik bereits verstummt ist. Ja, Nurejew als Dirigent, seine letzte Profession, bevor er mit nur 54 Jahren an Aids starb. Eindrucksvoll dieses letzte Bild am Ende des Balletts „Nurejew“ in der Deutschen Oper Berlin. Getanzt wird Nurejew großartig von David Soares.

Auktion bildet den Rahmen des Stücks

Der erste Akt beginnt mit einer Auktion nach Nurejews Tod. 1993 wurden fast 1000 Gegenstände aus dem Privatbesitz Nurejews durch das Auktionshaus Christie in New York und London versteigert. Darunter Nurejews persönliche Kostüme aus „Schwanensee“ und „Dornröschen“, Kostüme, die die Bretter der Welt gesehen haben, seiner Sammlung europäischer Möbel, u.a die Sofas von Maria Callas, Teppiche, Gemälde alter Meister und Fotos. Alles Objekte, die Nurejew zeitlebens umgeben haben. Die Auktionsszenen sind der Rahmen für das Ballett und rufen durch die Erinnerungsstücke, auch Briefe, die besonderen Lebensstationen des großen Künstlers auf. Partiell begleiten sie das Stück und finden Aufmerksamkeit durch die immer wieder ertönenden Aufrufe des Auktionators.
Choreograf Yuri Possokhov und Regisseur Kirill Serebrennikov schufen für die Bühne mit “Nurejew“ ein Gesamtkunstwerk. Für die Zuschauer Faszination und Ergriffenheit vom ersten Moment. Ballett, Schauspiel und Musik sind die künstlerischen Darstellungsformen, die zusammen die Diversität des Lebens eines der besten und berühmtesten Balletttänzer des 20. Jahrhunderts darstellt. Und das ist überaus sehr gelungen.

Nurejew – eine Auseinandersetzung mit sich selbst

In diesem Stück wird Nurejew als Person mit seiner Biographie facettenreich und nachvollziehbar dargestellt, in einer großartigen, künstlerischen Leistung von David Soares.
Im Mittelpunkt stehen Nurejews Liebe zum Ballett, sein Narzißmus und seine Homosexualität. Eine Auseinandersetzung und ein Kampf, der sich durch sein ganzes Leben zieht.

Ensemble und Vocalconsort Berlin

Die tänzerische Entwicklung Nurejews begann in der Waganowa-Ballettakademie. Alexander Iwanowitsch Puschkin prägte als bedeutender Ballettpädagoge und Mentor Nurejew. Sein Talent, aber auch sein Ehrgeiz, werden zeitig erkannt, aber schon früh hat er unter Denunziationen zu leiden. Trotzdem – Nurejews Karriere startet durch. Auf einer Auslandstournee mit dem Kirow Theater gelingt ihm der spektakuläre „Sprung in die Freiheit“.

Nach Rußland – Freiheit im Westen

Neu in der Freiheit, in Paris, probiert er sich als Person aus. Travestieshows und Drag Queens sind faszinierend ebenso wie der Bois de Boulogne mit seinem Straßenstrich. Nurejew lebt in der neuen Freiheit euphorisch und intensiv.
Gefahren sieht er dabei nicht.  

David Sooares und Ensemble

Als anerkannter und bekannter Meister des Tanzes wird er international bewundert, provoziert aber auch, lässt sich von der Hight Society umschmeicheln und posiert für den berühmten Fotografen Richard Avedon. Ein bleibendes Bild, wenn er im 2. Akt den Anweisungen von Avedon folgt und sich vollständig entblößt, sich nackt macht für die gesamte Umwelt (s.Titelfoto). Damit angreifbar?

Er ist extasisch und fordernd im Umgang mit seinen Kollegen, wenn nicht alles nach seinem Duktus läuft. Nurejew fordert von Anderen künstlerisch ein, was er von sich selbst abverlangt. Und stellt sich selbst überhöht in den Mittelpunkt – als Roi Soleil.

Aber da ist auch der sensible und einfühlsame Nurejew im Pas de Deux mit Margot Fonteyn (Iana Salenko). Beide wurden zum berühmtesten Tanzpaar ihrer Zeit. Die Ballerinen Alla Ossipenko und Natalia Makarova spielten eine große Rolle in Nurejews künstlerischen Laufbahn und als langsam abdankende Diva zeigt Polina Semionova als Weggefährtin berührend tiefe Emotionen.

Ein besonders starker Höhepunkt, einfühlsam, liebevoll und vertraut das Pas de Deux mit seinem Lehrer und Partner, seiner Lebensliebe Erik Bruhn (George Susman). Hier zeigt Nurejew sein Inneres, seine Seele, die sich hinter dem Ballettstar, Snob und Lebemann verbirgt. Und auch in der Schlussszene, sein Dirigat ins Nichts offenbart vor seinem Abgang einen Nurejew, der sich bis zum Schluß sensibel der Kunst widmete.

A Must-see

Dieses Ballett, entlang der Biographie des schwulen Künstlers Rudolf Nurejew, ist ein Muss für alle Kunstbegeisterten. Choreograph Yuri Poosokhov forderte alle Akteure, in Summe waren es 141, künstlerisch heraus. Dabei variierte Ilya Demutsky die tänzerischen Anforderungen durch seine Musik, u.a. auch Musiken aus klassischen Balletten, dem „Nussknacker“ oder „Schwanensee“ und dann wieder modern z.B. aus „La Bayadere“ und „Pierrot Lunaire“. Die Kostüme (Elena Zaytseva) zu jeder Epoche passend, ein Feuerwerk von Farben und Materialien.

Lange, zu lange blieb das 2017 am Moskauer Bolschoi Theater uraufgeführte Stück „Nurejew“ auf der Schwarzen Liste in Russland bzw. in den Schubladen der internationalen Bellett Companien. Großartig, dass Christian Spuck „Nurejew“ nach Berlin holte und Serebrennikov und Possokhov ihr Stück für das Staatsballett Berlin neu inszenierten. Die Aufführungen an der Deutschen Oper fanden mit großem Erfolg, Begeisterung und mit stehenden Ovationen statt. Karten sind daher sehr begehrt.

Aber wer keine Karte bisher erstehen konnte, sollte sich auf den Spielplan 2026/ 2027 freuen, da steht „Nurejew“ erneut im Programm.

Alle Fotos der Seite: Carlos Quezada, Staatsballett Berlin

Staatsballett Berlin: „Nurejew“
Deutsche Oper Berlin
Inszenierung, Libretto, Bühne: Kirill Serebrennikov,
Choreographie:  Yuri Possokhov,
Musik: Ilya Demutsky
Vorstellungen:
12.,18.,24.,26. April 2026 und im neuen Spielplan 2026/2027 bis 17. Mai 2027.

Artikelfoto: David Soares und Enseble, Foto und alls Fotos der Seite Carlos Quezada