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Lenka Reinerová & Tochter

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Es war ihre Stadt – Prag. Hier begann 1916 das Leben von Lenka Reinerová und sie starb hier 92-jährig 2008. Nun nimmt die Tochter Anna Fodorova Abschied von ihrer Mutter, der letzten großen Vertreterin der deutschsprachigen Literatur in Prag. Mit noch einundneunzig Jahren besuchte die Mutter ihre Tochter in London, die seit 1968 dort lebt. Eine weite Strecke zwischen Prag und London, eine große Entfernung zwischen Mutter und Tochter. Und dennoch ist Anna Fodorova eine liebevolle Erzählung über ihre Mutter gelungen, mit viel Wärme, Zuwendung und Güte.

Ein persönliches Mutter-Tochter Buch

„Wenn meine Beziehung zu meiner Mutter so eng war, warum hatte ich dann ein Leben in der Fremde gewählt? Es war ein politisches Ereignis, dass dabei eine Rolle gespielt hatte, die übrigens schon so oft in unsere Familiengeschichte.“ Anna blieb nach den tschechischen Unterdrückung 1968 in England. Ihre Mutter musste als Jüdin in den 30 er Jahren emigrieren, lebte in Paris, Casablanca, Mexiko, kehrte nach dem zweiten Weltkrieg zurück, erst nach Belgrad, dann wieder nach Prag. Als Kommunistin erlitt sie unter dem Stalin-Kommunistin Repressalien, wurde über ein Jahr inhaftiert und von ihrer Familie, ihrer Tochter getrennt. Anna erfährt und erzählt, wie ihre Mutter unter dieser Trennung gelitten hat. Aber ihre Mutter hat nie gefragt, wie es ihr, als kleines Mädchen allein ohne Mutter ging.
Anna ist Psychotherapeutin. Ihre Unterhaltungen mit der Mutter sind zeitlich eingerahmt von letzten Lebensjahren bis „Was danach war“. Anna erzählt verständnisvoll von Ritualen ihrer Mutter, Nachrichten schauen im Schlafrock Blumen gießt.
Vertraulich berichtet sie über ihre eigenen Gefühle der Kindheit und Zugehörigkeit. Man erfährt über die Familie, denn Lenka ist die einzige Überlebende des Zweiten Weltkrieges ihrer Familie. Zusammen besuchen Anna und Lenka Orte aus der Vergangenheit, auch Mexiko und Belgrad mit Erinnerungen sowie neuen, gemeinsamen Erlebnissen. Und Anna gibt ebenfalls der Bedeutung ihrer Mutter als Schriftstellerin Raum, zusammen mit ihren Kollegen und Zeitgenossen und  der wichtige Rolle von Egon Erwin Kisch in Lenkas Leben.

Die Grand Dame der deutsch- tschechischen Literatur

Das Buch ist eine ganz persönliche Begegnung mit einer vom Schicksal, oder besser von der Geschichte, hart getroffenen Frau und Persönlichkeit. Sie erlebte weltpolitisch Umbrüche und musste darunter als Jüdin und Kommunistin leiden. Sie ist Zeitzeugin von fastüber 80 Jahren des letzten Jahrhunderts und auch das würdigt ihre Tochter voller Achtung und Respekt.
„Ich wollte über sie mehr in ihrer Eigenschaft als meine Mutter denn als geachtete Schriftstellerin schreiben, das übernehmen schon andere. Und auch darüber wie es war, ihre Tochter zu sein. Ich weiß nicht ob ich diese Aufgabe gut bewältigt habe, und auch nicht, was sie dazu gesagt hätte.“
Ja, diese Aufgabe hat Anna Fodorova gut bewältigt. Sehr persönlich und sehr emotional. Als Leser:in meint man, die beiden Frauen nach dem Lesen dieses Buches gut zu kennen.

Anna Fodorova
Lenka Reinerová –
Abschied von meiner Mutter
Verlag btb, 208 Seiten
ISBN 978-3-442-77234-6

 

 

Artikelfoto: Prag, Foto:© gab